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Projekte 22. Mai 2012
 
Rotarys Beitrag zur Müttergesundheit in Entwicklungsländern (Oktober 2005)

“Save the Women of the World
so that Women can save the World”
(Thoraya Obaid, UNFPA)

Um die Müttergesundheit in Entwicklungsländern ist es nicht gut bestellt. Während die Frauen in Deutschland durchschnittlich 81 Jahre alt werden, leben Frauen in Entwicklungsländern höchstens 60 Jahre, in Sambia und Botswana, zum Beispiel, gar nur 35 Jahre.
 
Ein Grund dafür: Kinderkriegen in Entwicklungsländern ist lebensgefährlich. Als Müttersterblichkeit definiert die Weltgesundheitsorganisation WHO die Zahl der bis 42 Tage nach der Geburt gestorbenen Mütter auf 100 000 Lebendgeburten. Sie ist lt. der meist nur vorliegenden Durchschnitte pro Land am höchsten in Niger, Angola, Tansania und Afghanistan mit 1499 und mehr pro 100 000 Lebendgeburten (in Deutschland: 8). Besonders hoch liegt die Müttersterblichkeit dort, wo bei schlechter Ernährungslage und unter unzureichenden hygienischen und medizinischen Bedingungen viele Frauen viele Kinder in kurzen Zeitabständen bekommen.

Jede Minute stirbt eine Frau an vermeidbaren schwangerschaftsbedingten Ursachen. Das summiert sich auf mehr als eine halbe Million Todesfälle im Jahr – eine Zahl, die sich in den letzten Jahrzehnten kaum verringert hat. Der mangelnde Fortschritt bei der Bekämpfung der Müttersterblichkeit in vielen Ländern ist ein deutliches Zeichen für die geringe Wertschätzung, die dem Leben von Frauen entgegengebracht wird. Zudem zeugt es von ihrem eingeschränkten Mitspracherecht, wenn es darum geht, Prioritäten in der Gesundheitspolitik zu setzen.

Die Völkergemeinschaft hat das Problem im Jahr 2000 in die acht  Milleniumentwicklungsziele aufgenommen. Konkret wird gefordert, die Müttersterblichkeit bis 2015 um drei Viertel zu senken. Bislang ist man diesem Ziel nicht näher gekommen.Verstärkte Anstrengungen sind also nötig. Deswegen appellieren die UN, die WHO und andere, auch an Nichtregierungssorganisationen wie Rotary International, dabei mitzuhelfen.

Dem vielschichtigen Problem ist nicht leicht beizukommen. Die Fachliteratur empfiehlt ein dreistufiges Vorgehen, um die Müttergesundheit zu verbessern:
  • 1. Familienplanung oder Child Spacing (selbstbestimmtes Festlegen der Zeitabstände zwischen den Geburten),
  • 2. fachkundige Geburtshilfe,
  • 3. rechtzeitiger Zugang zu Hospitälern, in denen z.B. bei Komplikationen ein Kaiserschnitt vorgenommen werden kann.
Dass wir in den Entwicklungsländern nur verspätet Familienplanungsdienste zur Verfügung stellen, führt bisher jedes Jahr allein dort zu etwa 76 Millionen ungewollten Schwangerschaften. Das ist die „vergessene Zeitbombe“, von der die Zeitung Die Welt  vor Jahren schrieb. Dabei ist wirksame Familienplanung mit vergleichsweise geringen Mitteln möglich.

Das mit dem rasanten Bevölkerungswachstum verbundene Elend veranlasst die Menschen z.B. in Afrika, mit allen Mitteln zu versuchen nach Europa zu fliehen. Es gelingt mehr von ihnen, als hierzulande registriert wird. Und es wird nicht gelingen, sie davon abzuhalten, weil sie in ihren Heimatländern nichts zu verlieren haben.

Seitdem ich vor 10 Jahren erlebte, wie dankbar die Menschen in Afrika für Familienplanungsprojekte sind, nenne ich es „unfair“, nicht rotarisch, unchristlich,  unmenschlich, hierzulande seit Jahrzehnten selbst Familienplanung wie selbstverständlich zu betreiben, aber ausgerechnet den Ärmsten Information und Zugang dazu vorzuenthalten. Wir reden viel von Menschenrechten. Dass auch die Ärmsten in den Entwicklungsländern das von den Vereinten Nationen immer wieder verkündete Grundrecht auf freiwillige Familienplanung in Anspruch nehmen können, dafür sorgen wir nicht, jedenfalls viel zu wenig. Wenn uns die Nächstenliebe nicht bewegt, dann sollte es der reine Selbsterhaltungstrieb sein.

Familienplanung kann das Leben beider retten, der Mütter und ihrer Kinder. Rotary International hat das vor einiger Zeit erkannt und rät heute zu entsprechenden  Weltgemeindienstprojekten: „Fördern Sie Gesundheitsprojekte für Frauen mit Schwerpunkt Gesundheitsvorsorge und Betreuung von Schwangeren. Werben Sie für das Hinausschieben der ersten Schwangerschaft in das Erwachsenenalter und für die  Einhaltung von angemessenen Zeitabständen zwischen den Geburten.“

Das Pilotprojekt dazu mit der deutschen Bezeichnung „Verantwortete Elternschaft und Gesunde Familien“ wurde 1995-2000 für eine Zielgruppe von einer halben Million Menschen in Nigeria erfolgreich durchgeführt. Es wurde seitdem mehrfach von R.I. und anderen Organisationen als beispielgebend  gewürdigt.

Es bestand aus fünf Säulen: Die Lieferung von medizinischen Geräten und Einrichtung von Untersuchungszentren, Öffentliche Bewusstmachungskampagnen, Schulung des Gesundheitspersonals in Familienplanungsmethoden und Familienplanungsdiensten. In den beiden Zielgebieten, das eine vorwiegend moslemisch geprägt, das andere christlich, gab es vorher kein entsprechendes Projekt. Laut Endevaluierung durch die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) erhöhte sich durch das Pilotprojekt die Kontrazeptive Prävalenz Rate (Anteil der Frauen, die Familienplanung betreiben) von 3 Prozent auf 27 Prozent. Die neutrale Evaluierung stellte fest, dass damit ein bei derartigen Projekten bisher nicht erreichter Erfolg erzielt wurde. Dieses Ergebnis wurde in einem folgenden 3-H-Projekt (2000-2006 ) für eine Zielgruppe von 30 Millionen Menschen in sechs Staaten Nigerias bestätigt.

Fazit der DSW: „Das Projekt nutzte die Möglichkeiten der Rotarier mit ihren Kontakten zu den Regierungen auf allen drei Ebenen und zu den Traditional Rulers. Das Projekt konnte mit wenig bezahltem Personal kostengünstig ohne größere Probleme in kürzerer Zeit als üblich durchgeführt werden.“
Diese Erfolge ermunterten uns, auf Hilfegesuche, mit einem Projekt die Reduzierung der Müttersterblichkeit und Vermeidung von geburtshilflichen Fisteln zu forcieren , obwohl dies nur in einem umfassenden Ansatz erfolgreich sein kann. Unsere Zielgruppe in einem aktuellen Projekt sind insgesamt etwa fünf Millionen Frauen und ihre Familien in den beiden Staaten Kaduna und Kano, Nigeria.

Hier ist die Müttersterblichkeit eine der höchsten der Welt. Die sozio-medizinischen Hintergründe sind: Frühehe schon ab 11 Jahren und Polygamie, zu frühe Schwangerschaften, fehlende Schulbildung, niedriger sozio-ökonomischer Status, begrenzter Zugang zu Gesundheitseinrichtungen und Vorsorgeuntersuchungen, fehlende  und qualitativ mangelhafte Geburtshilfe und weibliche Beschneidungen. Vieles hängt mit der traditionellen Orientierung der Gesellschaft zusammen, die aber Aufklärung,  Verhaltensänderungen und Strukturverbesserungen nicht wirklich im Wege steht.

Projektziele sind: 1. Verminderung ungewollter Schwangerschaften durch Erhöhung der Kontrazeptiven Prävalenz Rate; 2. Erhöhung der Anzahl fachlich gut betreuter Schwangerschaften und Geburten;; 3. Verminderung geburtshilflicher Fisteln durch Operation, und vor allem durch Vermeidung und 4. Rehabilitation operierter Fistelpatientinnen.

Dazu schaffen wir öffentliches Problembewusstsein zu den Ursachen der Entstehung, zur Vermeidung von geburtshilflichen Fisteln sowie zu den Ursachen der hohen Müttersterblichkeit, richten wir Zentren für Fisteloperationen ein,  qualifizieren wir Ärzte, Hebammen und Gesundheitspersonal, helfen wir beim Aufbau eines Netzes geburtshilflicher Einrichtungen und reintegrieren operierte Fistelpatientinnen.

Robert Zinser, R.C. Ludwigshafen-Rheinschanze. Der Aufsatz ist eine gekürzte Fassung eines Vortrags bei der Charterfeier des  R.C. Willich im Oktober 2005.



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